Legte das Sommermärchen 2006 mit dem „Party-Patriotismus“ den Grundstein für den aufkeimenden Nationalismus in Deutschland?
Die Tagesschau hat dazu einen Beitrag geschrieben, dessen Text ich wegen der besseren Lesbarkeit kopiert und weiter unten eingefügt habe. Der dazugehörige Link ist auch dabei.
Vorher möchte ich gerne meine Sommermärchen 2006 Episode erzählen:
Zu der Zeit, als die WM 2006 lief, war ich zum Einsatzführungskommando nach Potsdam kommandiert. Wer mich kennt weiß, dass ich mit Fußball wenig am Hut habe. Während der WM 1978 war ich während des Spieles Deutschland – Mexiko im Astra Kino, wo ich ich zwischen zwei Mitschülern saß. Wir waren zu dritt im Kino, auf meiner einen Seite der wohl bekannteste Sponti und Anarcho meines Jahrgangs, auf meiner anderen Seite der bekannteste Skin und Rechtsradikale.
Später in meinem Leben, als Teile meiner Familie für Fußball zu begeistern waren, ging nicht alles an mir vorbei. So brachte ich es bei Eintracht Pön auf Turnieren schon mal zum Stadionsprecher.
Zurück ins Jahr 2006: Die deutsche Nationalmannschaft hatte es ins Viertelfinale geschafft. Daher hab ich mich entschieden, auf die Partymeile am Brandenburger Tor zu fahren. Die Partystimmung wollte ich diesmal nicht versäumen. Schließlich ärgere ich mich bis heute, dass ich das Konzert im November 89 am Brandenburger Tor verpasst habe, obwohl ich Zeit gehabt hätte, einen Abstecher nach Berlin zu machen.
Noch einmal zurück ins Jahr 2006: In der S-Bahn brachten sich schon einige jugendliche Fans in Stimmung. Der Fan-Gesang war nicht ganz genau zu verstehen, aber es hörte sich schon an wie: „Ihr seid nur der Pizza-Lieferant“. Klar, schließlich ging es gegen Italien. Bis heute frage ich mich, ob es nicht auch „Punktelieferant“ hieß, aber ich könnte schwören: „Pizza-Lieferenat“. Für eine WM unter dem Motte: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ fand ich das so unpassend, dass es mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. So jedenfalls gehe ich nicht mit meinen Freunden um.
Von meinem Platz, ca. 700 Meter vor dem Brandenburger Tor, konnte ich gut auf eine der vielen Großbildleinwände gucken. Das Spiel zog sich und nach 90 Minuten stand es immer noch Null zu Null. Es ging in die Nachspielzeit. Während sich in der ersten Hälfte der Nachspielzeit die Spannung hielt, verbreitete sich in der zweiten Hälfte eine gewisse Langeweile, weil man zumindest um mich herum davon ausging, dass die Entscheidung jetzt im 11-Meter Schießen fallen wird. Es kam anders. Unmittelbar vor dem Abpfiff schoß die Italienische Mannschaft noch zwei Tore und machte den Einzug ins Finale klar. Das Stimmungsbarometer sank umgehend auf Null, gefühlt auf deutlich unter Null. Meinen beiden Nachbarn gossen ihr Bier aus und gingen. Ich trank mein Bier zu Ende und sah mir das Elend an. Das Sommermärchen war schlagartig zu Ende. Dann machte auch ich mich auf den Weg zurück nach Potsdam. Am Straßenrand saßen zwei Mädchen und heulten. Die Tränen verschmierten die schwarz rot goldene Schminke. An der Siegessäule rauschten drei Polizei-Mannschaftswagen an mir vorbei. Ein strammer Deutscher – stramm im Sinne von ziemlich breit – grüßte mit erhobenem rechten Arm. In der S-Bahn trotze man der Niederlage mit dem Fan-Gesang: „Wir sind trotzdem stolze deutsche Fans“.
Ich war froh, als ich in Potsdam ankam und den Rest des Weges mit meinem Fahrrad zurück zur Unterkunft radeln konnte. Dabei hatte ich das komische Gefühl, dass ich ein anderes Sommermärchen erlebt habe als das, das die Welt zu Gast bei Freunden hatte.
Mein Erlebnis ist mit Sicherheit nicht repräsentativ für die deutsch Fußballwelt, aber es ist wahr. Ich kenne allerdings genügend Fußballfreunde, denen nationalistische Umtriebe fremd sind und möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich hier keine pauschalen Vorurteile schüren möchte. Aber es gibt sie, die andere Seite des Fußballs.
Dazu passt der Beitrag der Tagesschau vom 29. Mai 2026. Da der Beitrag durch die vielen eingestreuten externen Inhalte etwas zerrissen wird, habe ich den Test kopiert und nachfolgend ohne Änderungen eingefügt.
Eer läßt sich über die Verminung natürlich auch im Original lesen.
https://www.tagesschau.de/kultur/zwanzig-jahre-fussball-sommermaerchen-party-patriotismus-100.html
Vom Party-Patriotismus zum Nationalismus
Stand: 29.05.2026 • 06:14 Uhr
WM 2006 – das waren fröhliche Fanmeilen, schwarz-rot-goldene Fahnen, ein Land im Jubelrausch. Ein Hit der Sportfreunde Stiller wurde zur inoffiziellen WM-Hymne.
Der Party-Patriotismus hat seine Schattenseiten.
Von Eva Deinert, BR
Als die Sportfreunde Stiller 2006 ihren Song „’54, ’74, ’90, 2006“ veröffentlichten, ahnte die Band nicht, was auf sie zukam. „Dieses Lied war in allen Gesellschaftsbereichen so allgegenwärtig“, erinnert sich Sänger Peter Brugger im Podcast „ARD Ikonen: Sportfreunde Stiller“ . „Das kannten wir davor so nicht: Dass das wirklich jeder kannte, vom Kleinkind zur Oma.“
„Die Welt zu Gast bei Freunden“
Die Fußball-WM im eigenen Land löste große Euphorie aus. Unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ feierte ganz Deutschland mit seinen Gästen – und präsentierte sich selbst als entspannte, offene Kulturnation. Das Lied der Sportfreunde Stiller wurde zur Hymne dieser Fußballwochen. Die Band trat damit sogar beim Abschlussfest mit der Nationalmannschaft auf der Bühne am Brandenburger Tor – vor ihnen 800.000 Menschen in Schwarz und Weiß, zahllose Deutschlandfahnen wehten über den Köpfen.
Dabei war Deutschland im Halbfinale aus dem Turnier ausgeschieden und nicht Weltmeister im eigenen Land geworden. Dennoch blieb die Stimmung ausgelassen. Für Brugger ist gerade das symbolisch: „Wir haben einen dritten Platz gefeiert. Das finde ich sehr gut für uns Deutsche. Dass das weiterging nach der Niederlage im Halbfinale fand ich so toll an diesem Sommer.“ Die Erzählung vom „Sommermärchen“ war geboren – und mit ihr ein neuer, unverkrampfter Umgang mit nationalen Symbolen.
Wenn die Fahnen bleiben
Nach der WM etablierte sich in den Medien ein Begriff dafür: „Party-Patriotismus“, der auch von der Sozialwissenschaft aufgegriffen wurde. Gemeint ist damit ein vermeintlich unpolitisches Fahnen- und Hymnenfeiern rund um große Sportereignisse.
Die Band Sportfreunde Stiller beobachtete auf ihren eigenen Konzerten, dass diese Euphorie auch ein halbes Jahr nach der WM nicht abebbte. Und war irritiert, wie Schlagzeuger Flo Weber im Podcast „ARD Ikonen“ erzählt: „Auf einmal waren ein Haufen Leute da, die mit der Deutschlandfahne dann im Publikum waren.“
Ohne Großsportveranstaltung fühlte sich das aber nicht richtig an. Die Band reagierte, bat die Fans, die Fahnen wieder wegzupacken – und musste sich selbst neu sortieren, wie sie damit umgeht.
Mit Party-Patriotismus tritt Nationalismus hervor
Solche Entwicklungen beobachtet auch der Sportjournalist Ronny Blaschke. Er schreibt seit Jahren über Rassismus und Rechtsextremismus im Fußball: „Rechtsextreme können nicht nur an diesen Party-Sommer-Gedanken anknüpfen, sondern generell an das Vokabular des Fußballs“, so Blaschke. Gerade während einer WM sei Vieles auf Nation und Abgrenzung ausgerichtet: „Auf das Land, auf ‚wir sind stärker‘. Wir singen unsere Hymne, wir hissen unsere Fahne, wir nutzen Begriffe wie Ehre, Zusammenhalt, Treue zur Nation.“
Dass im Zuge von Sportgroßereignissen der Nationalismus steigt, belegen auch Studien. Blaschke bezieht sich beispielsweise auf die Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ von Soziologe und Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer aus dem Jahr 2007. Darin wurde gezeigt, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 auch Nährboden für Nationalismus, Ausgrenzung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit war.
„Alle politischen Systeme nutzen den Fußball“
Deutlich zutage tritt das rund um die Fußball-EM 2024 in Deutschland, als Spieler der Nationalmannschaft rassistisch angefeindet und Debatten zu Herkunft und Hautfarbe – und letztendlich Zugehörigkeit zum National-Team geführt werden.
Akteure wie die AfD greifen in diese Debatten ein, um ihre eigenen Narrative zu Zuwanderung zu verstärken. Maximillian Krah, damals AfD-Spitzenkandidat für die Europawahl, sprach während einer Veranstaltung von der National-Elf als „Fremdenlegion“.
Björn Höcke schrieb in einem Gastbeitrag in der Schweizer Wochenzeitung Weltwoche 2024, er könne sich mit der Nationalmannschaft nicht mehr identifizieren.
Für Blaschke ist das kein Zufall, sondern Ausdruck eines grundsätzlichen Mechanismus der Politik: „Alle politischen Systeme, ob Autokratien, Diktaturen, Demokratien, nutzen den Fußball vor allem wegen der Reichweite“, sagt er.
Blick auf die WM 2026: Mehr Strategie, mehr Inszenierung
Zur WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko rechnet Blaschke mit einer neuen Dimension politischer Nutzung des Turniers. Sie fällt zusammen mit gleich mehreren Jubiläen: In den USA wird nicht nur der 250. Jahrestag der Unabhängigkeit gefeiert, sondern auch der 80. Geburtstag von Donald Trump. Der US-Präsident ist für seine Inszenierung medienwirksamer Großereignisse bekannt. Trump werde den Fußball „nutzen“, glaubt auch Blaschke: als emotional aufgeladene Kulisse für seine Botschaften.