Besuch im Europäischen Hansemuseum

Das Europäische Hansemuseum wurde am 27. Mai 2015 durch unsere Bundeskanzlerin eröffnet. Da ich mich in den letzten Monaten meiner Dienstzeit mit dem Museumswesen befaßt war, interessierte mich diese nagelneue Ausstellung natürlich ganz besonders. Daher habe ich sie vor einigen Wochen besucht und will meine Eindrücke kurz schildern.

Das Gebäude selber ist modern, aber nicht aufdringlich. Es wirkt wie der Bestanddteil einer alten Stadtmauer und paßt sich damit gut in den Bereich des Burgtores mit seinem wehrhaften Charakter ein. Es bricht allerdings mit dem für Lübeck typischen Straßenbild der aufgereihten Giebelhäuser, die nach Süden hin an das Museumsgebäude anschließen, was für mich allerdings vertretbar ist.

Das Museum selber ist sehr modern. Die Ausstellung beginnt mit einer Fahrstuhlfahrt hinab in die Vergangenheit Lübecks. Unten angekommen befindet man sich in einer archäologischen Ausgrabungsstätte; zumindest wird einem dieser Eindruck vermittelt, und das eindrucksvoll. Hier wird auch kurz auf die slavische Siedlungsgeschichte der späteren Hansestadt eingegangen.

Ausgrabungsfläche im Museum.

Ausgrabungsfläche im Museum.

Aus der archäologischen Eingangshalle heraus betritt man ein Ensemble, das Schiffe Lübecker und Gotländischer Kaufleute zeigt, die auf dem Weg nach Nowgorod sind. Ergänzt wird das Ensemble durch Schautafeln sowie großflächige Bildschirme, die allgemeine  Informationen für die Besucher und Besucherinnen bereithalten. Diese Form der Ausstellung ist leicht verständlich und ich finde sie sehr gut gemacht. Darüber hinaus kann man sich an zahlreichen Bildschirmen, die ergänzend mit Kopfhörern ausgestattet sind, zusätzliche Informationen zu einer Stadt, die mit der Hanse verbunden war und zu einem Tehmenbereich, z.B. dem Alltagsleben, abrufen. Stadt und Themenbereich legt  man im Eingangsbereich fest, sie werden auf der Eintrittskarte gespeichert. Mit der Eintrittskarte kann man die kleinen Präsentationen aufrufen.

Zu Beginn der Hansezeit schlossen sich Gotländische und Lübecker Kaufleute zu Handelsgemeinschaften zusammen und betrieben gemeinsam Handel mit Nowgerod.

Zu Beginn der Hansezeit schlossen sich Gotländische und Lübecker Kaufleute zu Handelsgemeinschaften zusammen und betrieben gemeinsam Handel mit Nowgerod.

Mit der Eintrittskarte kann man sich zusätzliche Informationen zu einer Stadt und einem Thema seiner Wahl abrufen.

Mit der Eintrittskarte kann man sich zusätzliche Informationen zu einer Stadt und einem Thema seiner Wahl abrufen.

Die Präsentation von Informationen erfolgt zum Teil auf gedruckten Tafeln oder auf großen Flachbildschirmen wie hier.

Die Präsentation von Informationen erfolgt zum Teil auf gedruckten Tafeln oder auf großen Flachbildschirmen wie hier.

Im Anschluß kommt man in ein „Kabinett“. Hier werden Ausstellungsstücke gezeigt, die thematisch mit dem eben gesehenen Ensemble im Zusammenhang stehen. Dabei beschränkt man sich auf wenige, aber sehr schöne Exponate, die in sehr ansprechender Weise präsentiert werden.
Diese Räume wirken stellenweise aber etwas eng und es entsteht der Eindruck, daß man hier zu Gunsten der großflächigen Ensemble gespart hat.

Ein Model der  um 1150 gebauten Kollerup-Kogge. Die Form erinnert noch an ein Wikingerschiff, die Bauweise unterschied sich aber. Besonders augenfällig: das Ruder  (Steuer) ist von der rechten Seite an das Heck des Schiffes verlegt worden.

Im Kabinett: ein Model der um 1150 gebauten Kollerup-Kogge. Die Form erinnert noch an ein Wikingerschiff, die Bauweise unterschied sich aber. Besonders augenfällig: das Ruder (Steuer) ist von der rechten Seite an das Heck des Schiffes verlegt worden.

In einzelnen Fällen gleitet die Darstellung etwas ab. Die „Pest in Lübeck“ erinnerte mich zu sehr an eine Mischung aus Hamburg Dungeons und Mittelalterspektakel. Alles in Allem ist das Zusammenspiel der Ensemble, der Kabinette, der Schautafeln und der elektronischen Darstellungen aber gut aufeinander abgestimmt und befriedigt die Informationsbedürfnisse der eiligen Besucherin ebenso wie die des Museumsbummlers.

Die Hanse ist ein Thema, dessen Deutung nicht losgelöst vom gesellschaftlichen Umfeld betrachtet werden kann. Im 19. Jahrhundert wurde die Hanse als Vorläufer des erstarkenden Bürgertums angesehen, zu Zeiten Kaiser Wilhelms mit seiner Flottenbegeisterung galt sie als Vorläuferin deutscher Seegeltung. Im Dritten Reich stand sie für den historischen nachweisbaren und damit quasi naturgegebenen Expansionsdrang nach Osten und heute wird sie gerne als vorweggenommene Integration Europas gedeutet, was bereits mit dem Namen des Museums zum Ausdruck gebracht wird.

Tatsächlich muß die Hanse wohl als Interessengeflecht verstanden werden, in dem die Interessen des einzelnen Kaufmannes, die Interessen der Kaufleute einer Stadt und die  Interessen verschiedener Städte zusammengefaßt und aufeinander abgestimmt wurden. Mit europäischer Integration hatte das nach meiner Auffassung wenig zu tun. Die Handelshöfe der Hansekaufleute im Ausland bildeten wie in London, Nowgerod oder Bergen eine Art Exklave. Die Kaufleute waren, wie z.B. im norwegischen Bergen mit seiner sehenswerten „Deutschen Brygge“, streng darauf bedacht, unter sich zu bleiben und jeden persönlichen Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung zu meiden. Ziel war schlicht und einfach, die Handelsprivilegien, die man mit den örtlichen Eliten vereinbart hatte, zu sichern und sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. In dem Sinne ist die Hanse vielleicht eher ein vorweggenommenes Freihandelsabkommen wie TTIP.

Rein inhaltlich ist die Ausstellung sehr aufschlußreich und stellt die unterschiedlichsten Themen dar. Zwei Themenfelder habe ich allerdings vermisst. Zum einen fehlten mir Informationen zur Ausübung von Macht, auch militärischer Macht. Die Hansestädte haben sich und ihre Wirtschaftsinteressen über machtpolitisch orientierte Bündnissysteme und Allianzen abgesichert und bisweilen auch Kriege geführt, so etwa gegen Dänemark. Zum anderen hätte ich mich gefreut, etwas darüber zu erfahren, warum die Hanse, die im Mittelalter als wirtschaftliches Erfolgsmodell gelten muß, in der frühen Neuzeit so sang- und klanglos von der wirtschaftlichen und politischen Bühne verschwand. Das Festhalten an überkommenen Wirtschaftstrukturen, aufkommende Konkurrenz, die Verlagerung des Welthandels aus dem Berich Nord- und Ostsee in die Seegebiet Atlantik und Indischer Ozean oder die Verunsicherung des Marktes und der Wegfall von Käuferinnen und Käufern sowie damit verbunden von Kaufkraft als Folgen des verheerenden 30-jährigen Krieges könnten als Erklärung dienen. Hier wäre etwas mehr als nichts besser gewesen.

Trotz allem, das Museum ist toll gemacht und in jedem Fall einen Besuch wert. Ich werde auf jeden Fall noch zu einem weiteren Besuch nach Lübeck fahren.

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