Politisch korrekt oder nicht?

Im Spiegel vom 26. Oktober (Seite 34 f.) äußert Bildungsminister Frau Karliczeck, „Nur weil sich jemand nicht voll gendergerecht ausdrückt oder nicht umfassend politisch korrekt formuliert, darf er nicht gleich runtergemacht werden.
Viele Menschen wollen einfach nur reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Die meisten Bürger sind nicht rassistisch oder extremistisch unterwegs. Sie haben eine Einstellung zu bestimmten Dingen, und die wollen sie artikulieren“.

Welche Einstellung haben die Bürgerinnen, die Ihre Einstellung artikulieren? Minister Frau K. formuliert bestimmt und ganz bewußt rein männlich. Das paßt in den Kontext.

Wenn jemand jetzt redet, wie ihm oder ihr der Schnabel gewachsen ist, könnte er oder sie artikulieren: „Was will die Olle mit dem Pollackennamen da eigentlich? Null Ahnung von Bildungspolitik und damit gleich ins Amt gerutscht. Die hat sich doch bestimmt hochgeschlafen. Die wäre doch besser hinterm Herd geblieben, wenn sie so einen Scheiß von sich gibt.“
So eine Meinung würde ich natürlich ernsthaft nie vertreten, nur, um das ganz klar zu machen.

Natürlich gibt es noch ein paar Leute, die den Begriff „Neger“ – auch im Zusammenhang mit dem „Negerkuß“ – benutzen, weil sie es nicht besser wissen. Überwiegend sind es wohl ältere Menschen, die das ohne böse Absicht tun, weil sie sich nicht vorstellen können, daß ein Farbiger den Ausdruck „Neger“ nicht so gerne hört, weil er so dicht am Begriff „Nigger“ dran ist. Selbst dann ist es aber Ausdruck einer latenten rassistischen Grundeinstellung, die sie in ihrer Jugend – das wären die Dreißiger- oder Vierziger Jahre, also die Nazi-Zeit – vermittelt bekommen und nie abgelegt haben. Ob der Begiff – wie viele andere Begriffe – aus Gewohnheit gebraucht oder bewußt provozierend genutzt wird, ist vom Grundsatz her erst einmal egal, am Ende ist es ein rassistischer Ausdruck.
Wer diesen Ausdruck trotzig weiterhin und ganz bewußt benutzt, ist ein*e Rassist*in. Da beißt die Maus keinen Faden ab, Frau Minister K., und das ist auch nicht damit zu entschuldigen, daß die Leute so reden wollen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Mein Eindruck ist, daß die meisten, die jetzt in den asozialen Medien auf den Gebrauch des „N-Wortes“ bestehen, das in vollem Bewußtsein machen, weil ihr Weltbild rassistisch geprägt ist und sie nicht davon lassen wollen, weil es schon immer so war.
Sprache ist eben auch Ausdruck des Bewußtseins.

Das gleiche gilt auch für den Gebrauch gendergerechter Formulierungen. Was zum Teufel ist so problematisch daran, Menschen so anzusprechen, wie sie angesprochen werden wollen, als Mann, als Frau oder als was auch immer. Das ist eigentlich eine Frage der Höflichkeit. Warum genau muß man das eigentlich diskutieren?
Problematisch ist gendergerechte Sprache nur, wenn Mitbürger*innen an dem traditionellen Weltbild von Mann, Frau, Eltern, Kinder, Familie ist Mann und Frau und Kinder, Homosexualität ist Sünde und keinem Sex vor der Ehe zumindest dem Schein nach festhalten wollen. Dann paßt es natürlich, alle die, die nicht in dieses Weltbild passen, auch sprachlich auszugrenzen. Die Berufung auf die Rechtschreibung nach Duden ist da ein sehr schwaches Argument, eher ein Scheinargument, ähnlich wie die Aussage, der Text würde sich dann sperrig schreiben und lesen lassen.
Und klar hat Minister Frau Karliczeck recht, wenn sie sagt: „Wir müssen lernen, wieder mehr zuzuhören und auch mal Meinunen ernst zu nehmen, die vielleicht nicht überall gleich ungeteilten Beifall finden.“
Und gerade deshalb schreibe ich diesen Beitrag in meinem Blog. Ich nehme nicht nur das ernst, was Frau Minister K. da so von sich gibt, und nein, dazu gibt es von mir keinen Beifall. Und ich kann nicht nur gut reden, ich kann auch gut zuhören und vor allem zwischen den Zeilen lesen. Und was ich bei Frau Minister K. da so zwischen den Zeilen lese, ist nach meiner Meinung ein widerliches Angebiedere an den rechten Rand.
Und nur weil jemand so spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, muß man das nicht gut finden. Aber man nuß es ernst nehmen, und dann wird man ja auch mal widersprechen dürfen.

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